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Erlebnisbericht | Jens unterwegs im „Europaviertel“

Jens Baumanns vom Berufskolleg für Gestaltung und Technik der Städteregion Aachen in Nordrhein-Westfalen hat einen klugen Essay über europäische Werte geschrieben. Er hat damit nicht nur die Landes-, sondern auch die Bundesjury überzeugt – Letztere lud ihn als Auszeichnung zu einem Europaseminar der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Straßburg ein. Hier sein Bericht:

„Abfahrt 7.51 Uhr in Aachen. Die Zeit im ICE nach Strasbourg verging schnell, Ankunft in Strasbourg um 12.13 Uhr. Erst jetzt werde ich mir bewusst, dass ich wirklich in Strasbourg bin. Mit der Tram geht es vom Hauptbahnhof zum europäischen Parlament und schon auf dem Weg zum CEJ (Centre Européen de la Jeunesse) merke ich, dass diese Woche eine gute wird.  „Prochaine station Parlement Européen“ ertönt die Ansage in der Tram. Es ist ein warmer Spätsommertag. Neben mir mit meinem Trolley sind auch noch andere Sakkoträger in der Tram: Auch sie steigen hier aus.

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Foto: Jens Baumanns

Der Empfang im Centre Européen war sehr herzlich. Auch hier, bereits in den ersten Stunden meines Aufenthalts merke ich: Europa ist hier nicht nur die Fahne vor dem Gebäude, sondern alles hier im Viertel, welches seinen Namen „Europaviertel“ nicht umsonst trägt. Ich werde auf Französisch begrüßt, bemerke aber schnell, dass das Schulfranzösisch nur bedingt weiterhilft. Kein Problem für die Dame am Empfang, man ist hier schließlich europäisch und Englisch kein Problem.

Kurz nachdem ich meine Einweisung erhalten habe, gehe ich auf mein Zimmer und warte auf die anderen Teilnehmer. Wie wird die Woche? Was wird mich hier erwarten? Wie sind die anderen Teilnehmer wohl? All das waren Fragen, die mich beschäftigten, als ich meinen Trolley in die Ecke des Zimmers packte und innerlich nochmal meinen Wettbewerbsbeitrag durchging. Keine Stunde später kam auch mein Zimmernachbar an, mit dem ich mich auf Anhieb sehr gut verstand. Eric kommt aus Berlin, ich aus Aachen. Wunderbar: zwei Städte die schonmal näher nicht liegen könnten, doch es kam noch besser wie wir beide später bemerken durften: Wir hatten Hamburger, Sachsen, Hannoveraner und vor allem ungewöhnlich viele Bayern in der Runde.

Nach einem kurzen Kennenlernen und Vorstellen unter der Leitung von Frau Koopmann im Garten des Centers, wurden die Beiträge vorgestellt. Auch wenn es Beiträge waren, die teils unterschiedlicher nicht sein konnten: Von meiner Rede über die europäische Identität, über ein Essay der europäischen Geschichte, vielen Bildern, einer Kurzgeschichte, einem Streitgespräch und sogar einem Song, hatten doch alle Beiträge eine Gemeinsamkeit. Sie alle waren zurecht hier, denn sie handelten von europäischen Gedanken und Werten. Fast war der erste Tag vorüber, ging es auch darum sich persönlich im privaten Kreis besser kennenzulernen. Am Abend ging es auf ein paar erfrischende Getränke in die Stadt.

Der nächste Tag war entspannter als der Tag der Anreise: Zum Einstieg gab es ein Seminar unter der Leitung von Johannes Baldauf über „Hate Speech“. „Was ist „Hate Speech“? Wie kann ich mich und andere davor schützen? Wie kann man sie gemeinsam bekämpfen?“ All dies wurde durch Herr Baldauf gut, fundiert, aber vor allem interessant und mit hoher Motivation vorgetragen. Am Nachmittag ging es in die Stadt zur Bootsrundfahrt. Bei fast schon zu gutem Wetter ging es auf der Ill bei strahlendem Sonnenschein und mehr als 30 Grad zur Anlegestelle am Palais Rohan im Schatten des berühmten, eintürmigen Strasbourger Münsters. Zu Abend wurde anschließend im „Corde à Linge“ im malerischen Viertel „La Petite France“ gegessen. Das Essen war gut, die Stimmung noch besser. So war man ideal vorbereitet für den Mittwoch im Parlament und dem Europarat.

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Foto: Jens Baumanns

Auch wenn der Mittwoch früh begann – um 7 Uhr gab es Frühstück – waren wir alle gut gelaunt und gespannt. Gespannt deshalb, weil heute Jean-Claude Junckers Rede zur Lage der Nation stattfinden sollte. Nach einem kurzen Security-Check im Parlament ging es erst zur offenen Runde mit Herrn Gerlach in einen Konferenzraum, um dort über die „Gefahr des Rechtspopulismus in Europa“ zu diskutieren. Schön war es für mich zu hören, wie die Abgeordneten selbst damit umgehen und welche Beeinträchtigungen hier für die parlamentarische Arbeit entstehen.

Im Anschluss, auf der Tribüne angekommen, konnten wir einigen Beiträgen der Abgeordneten beiwohnen: Herr Farage und Frau Le-Pen fabulierten mit ihrem geistigen Durchfall und machten ihrer Fraktion alle Ehre, als Nationalisten gegen Europa zu wettern und das Ende der Europäischen Union herbeizusehnen. Für uns alle unvorstellbar, da Europa doch so viel mehr ist, als nur ein Staatenbund mit nationalen Interessen.

Zum Abschluss des Europaseminars ging es am Donnerstag zu ARTE. Dort wurde die journalistische Arbeit des Deutsch-Französischen Senders erläutert und nach der Führung durch die Studios auch die Feedback-Runde und damit das Ende des Europaseminars und der
wunderbaren Woche eingeläutet.

Mein Fazit: Auch wenn die Beiträge und das Seminar im Zeichen von Europa standen, viele neue Einblicke in die Institution „Europa“ entstanden sind, so gab es auch eine mir sehr wichtige Entwicklung: Ich habe in Strasbourg nicht nur mehr über Europa gelernt, sondern auch interessante, gleichgesinnte junge Menschen gefunden, die ich nicht nur als europäische Kollegen vermissen werde, sondern auch als Freunde, mit denen man bei einem kühlen Getränk über Europa, die Welt oder doch nur das letzte Fußballspiel reden kann. Vielen Dank an die Friedrich-Ebert-Stiftung, besonders Frau Koopman, unseren Begleitern Max und Sven und vor allem auch der Europäischen Bewegung für diese unvergesslichen Tage in Strasbourg. Und wer weiß, vielleicht sieht man sich ja eines Tages nochmal in Strasbourg um gemeinsam Europa zu leben.“

Zum Essay, mit dem Jens die Reise gewann:

Jens Baumanns

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