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Stimmen des EW | „Gehör verschaffen und gehört werden“

„In Europa angekommen – und nun?“ lautete die Sonderaufgabe der 64. Wettbewerbsrunde, die Tala, Mushin, Goze, Sozdar von der Städtischen Realschule Broich zum Anlass nahmen, „ihre“ Geschichte zu erzählen. Gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern der Willkommensklasse brachten sie ihre Erlebnisse mit dem Theaterstück „Geduldete Träume“ auf die Bühne. Ihr Engagement und ihre Offenheit wurde beim Europäischen Wettbewerb belohnt. Was die vier bewegt hat, am Europäischen Wettbewerb teilzunehmen und welche neuen Erfahrungen sie sammeln konnten, erzählen die vier selbst (unterstützt von ihrer Lehrerin Ingrid Amelung):

„Wir sind Tala Ofra (11 Jahre), Mushin Aljundi (15 Jahre), Goze Maao (15 Jahre) und Sozdar Gogi Khalo (15 Jahre) und nur einige von vielen Kindern, die aus Syrien und dem Irak geflüchtet sind, um in Sicherheit zu leben – in einem Land, dessen Sprache, Sitten, Gepflogenheiten und Kultur wir nicht kennen. Das, was uns verbindet, ist die Flucht. Das, was uns erwartet, ist eine Ungewissheit: Denn die Sprache, die wir nicht beherrschen, ist für uns ein unüberbrückbares Element. Es hindert uns daran, ein Bestandteil der Gesellschaft zu werden. Eine der Möglichkeiten, Deutsch zu lernen und gleichzeitig das Durchlebte, das unsere Unbeschwertheit trübt, zu verarbeiten, ist das Theater; Zunächst in nonverbaler Form, da uns die Worte fehlen, danach über „karge“ Sprache hin zu vollständigen Texten, die in unsere Seele hineinblicken lassen und an das anknüpfen, was wir während der Flucht erlebten.

Bislang haben nur die Erwachsenen berichtet. Wir, die geflüchteten Kinder, fügten uns bedingungslos in den Lauf der Ereignisse. Nur Wenige haben uns beachtet und befragt. Welche Bilder die Flucht in unseren Seelen hinterlässt, wird verschwiegen. Die uns aufgedrängten Erlebnisse verändern uns und lassen unsere Unbeschwertheit schwinden.

Foto: Ingrid Amelung
Theater- und Schulprojekt „Geduldete Träume“

Nun möchten wir uns mitteilen, denn auch wir haben die Flucht erlebt, und auch wir kennen Schmerz und Angst. Wir wollen berichten und informieren. Durch das Theater erzählen wir, was wir während der Flucht erlebt und durchgemacht haben. Bei der Erarbeitung des Wettbewerbsprojektes setzten wir uns intensiv mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander. Durch die direkte Konfrontation mit unseren eigenen Erfahrungen haben wir die Flucht nochmals durchlebt und resümiert. Wir entwickelten soziale Kompetenzen, die uns erlauben, das Erlebte zu ertragen und situationsbedingt sachlich informierend darüber zu berichten. Versunken in unsere Arbeit und beschäftigt mit den Inhalten unserer Vergangenheit freuten wir uns sehr über die Mitteilung, dass unser Projekt zu den Preisträgern des Europäischen Wettbewerbs gehöre. Wir waren überwältigt von der Dimension des Wettbewerbs und konnten es kaum glauben, dass ausgerechnet unsere Arbeit anerkannt wurde. Wir fühlten uns wertgeschätzt und fieberten der Preisverleihung in Wuppertal entgegen.

Am 11. Mai 2017 fuhren wir festlich gekleidet, voller Spannung und von unserer Lehrerin begleitet nach Wuppertal, um unseren Preis entgegenzunehmen. Stolz hielten wir die Urkunden in unseren Händen, bevor wir diese mit einer Folie schützend in unsere Mappen fügten.

Foto: Ingrid Amelung
Theater- und Schulprojekt „Geduldete Träume“

Als wir uns gegenseitig ansahen, strahlten unsere Augen, und in unseren Gesichtern konnte man lesen, dass wir glücklich waren. Die Urkunden trugen wir in Ehren und zeigten stolz die während der Preisverleihung mit uns gemachten Fotos. Wir erlebten einen besonderen Moment, denn wir fühlten uns von vielen uns unbekannten Menschen aufgenommen, anerkannt und wertgeschätzt. Durch die Teilnahme am Europäischen Wettbewerb sind unsere Zweifel verflogen und dem Glauben an unsere Stärken und Fähigkeiten gewichen. Wir bauten Vorurteile ab und öffnen uns dem Neuen, indem wir positiv und leistungsorientiert in die Zukunft schauen.
Dem Europäischen Wettbewerb sei gedankt für die Motivation, Organisation, künstlerische Toleranz verbunden mit großer Ideenfreiheit und der Wertschätzung für das Engagement der jungen Generation. Nochmals DANKE!“

 

In der Rubrik „Stimmen des EW“ finden sich weitere Beiträge, in den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Europäischen Wettbewerbs zu Wort kommen. Empfehlenswert sind auch die  Erlebnisberichte, in denen unsere Preisträger von ihren Erlebnissen bei unseren Preisträgerbegegnungen berichten. Du möchtest auch einen Beitrag einreichen? Dann schreib an team@ew2017.de!

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