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  • 24.03.2017 - 16:03

Stimmen des EW | Jens Kommentar: Goldener Käfig Europa

Jens Baumanns vom Berufskolleg für Gestaltung und Technik der Städteregion Aache hat am 63. Europäischen Wettbewerb teilgenommen. Mit seinem klugen Essay über europäische Werte gewann er einen Platz im Europaseminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in Straßburg. Seitdem hat er sich nicht nur zu einem überzeugten, sondern auch zu einem engagierten Europäer entwickelt. Er setzt sich in Aachen für die neue Pulse of Europe-Bewegung ein – auf der Straße und in Texten. Hier veröffentlichen wir sein Plädoyer für mehr politisches Engagement der jungen Generation.

Goldener Käfig Europa – unschuldig schuldig am Sterben der Demokratie

Europas Jugend sieht vieles als Selbstverständlichkeit an und vergisst, dass Frieden, Wohlstand, Sicherheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind. Unverschuldet am Sterben der Demokratie, gefangen im goldenen Käfig „Europa“. Wir sind „Generation Europa“, die es nie gelernt hat auf die Straßen zu gehen und zu demonstrieren. Doch wieso sollten wir als Europas Jugend auch auf die Straße gehen um zu demonstrieren? Wir haben es nie gelernt und es gab nie einen wirklichen Grund, dies zu tun: Kein Weltkrieg, keine Hungersnöte oder sonstigen Ereignisse, die unser wohlbehütetes Leben in der demokratischen Selbstverständlichkeit des Wohlstands und des Friedens je beeinträchtigt hätten.

Wir gehören zu einem der elitärsten Clubs der Welt, per Geburt – der Europäischen Union. Einem Bund aus – sind wir mal ehrlich – steinreichen Nationen, die im Vergleich zum Rest der Welt keinen Mangel mehr kennen: Starke Volkswirtschaften, reiche Industrienationen mit hohem Lebensstandard, Bildung, Gesundheit, Internet und Smartphones, Reisefreiheit, Erasmus, freie Meinungsäußerung; und zu guter Letzt haben wir alle eine wohlbehütete Kindheit in Frieden genießen können, die uns diese trügerische Selbstverständlichkeit vermittelt hat.

Unser Leben ist im Vergleich zum Rest der Welt außerhalb des „Eliteclubs Europa“ eine Aneinanderreihung aus nicht endendem Wohlgefühl an Überfluss und von uns selbst festgelegter Selbstverständlichkeit. Wir kennen es nicht anders: Die Wahlen, die Demokratie, der Frieden, die Stabilität, kurzum, Europas Grundwerte. Grundwerte von denen der Rest der Welt nur träumen kann.

Wieso es Rechtspopulisten so einfach fällt, diese Werte anzugreifen und aufzuweichen? Weil wir es nie gelernt haben sie zu verteidigen, schließlich waren sie seit unserer Geburt da. Wir kennen es schlichtweg nicht anders. Es kann uns also kein direkter Vorwurf daraus gemacht werden, dass wir die Bedrohung durch den Rechtspopulismus nicht wirklich verhindern – und dennoch sind wir unschuldig schuldig am Sterben der Demokratie.

Doch wir müssen aufwachen – aufwachen aus dieser Illusion der selbstverständlichen Bequemlichkeit. Wir müssen wieder lernen für unsere Werte zu kämpfen, für Demokratie auf die Straße zu gehen, laut zu sein. Wir müssen lernen und den Hass der Rechtspopulisten entlarven. Entlarven, dass sie es sind, die unsere Werte bedrohen, die wir als gegeben ansehen. Versteckt unter falschem Nationalismus versuchen sie uns Europäer gegeneinander auszuspielen, wenn sie meinen, dass in mehr Souveränität der einzelnen Länder und weniger Europa die Lösung liege.

Sie lassen uns vergessen, dass keine 100 Jahre zuvor, gerade Souveränität und egoistischer Nationalismus zu einem der fatalsten Ereignisse unserer Geschichte geführt haben: Den Ersten Weltkrieg. Die Tür des goldenen Käfigs ist offen, nun liegt es an uns, das Fliegen zu lernen. Die Werkzeuge dafür haben wir noch: Meinung-, Versammlungs- und Pressefreiheit, Demokratie und schlussendlich unsere gesunde Vernunft. Wir müssen nun jedoch lernen sie wirklich zu nutzen.

Jens Baumanns

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