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  • 11.08.2017 - 13:08
Berlin Stimmen des EW

Tanias Erlebnisbericht | Unterwegs in Europa

Tania Olms (16), Schülerin des Georg-Büchner-Gymnasiums in Berlin, hat sich in ihrem Beitrag zum Thema Europa 4.0 – Beam me to 2027 mit den Auswirkungen von zukünftigen technischen Veränderungen auseinander gesetzt. Dafür wurde sie von der Bundesjury mit dem Reisepreis für die Jugendbegegnung nach Otzenhausen bedacht. Hier ihr Bericht:

„Europe – United in diversity?“ – so lautete die Überschrift auf der Programmübersicht für das Jugendseminar in der Europäischen Akademie Otzenhausen (kurz EAO). Insgesamt 18 Teilnehmer/innen aus Deutschland, Kroatien, Polen und Griechenland – alle sich gänzlich fremd – treffen am 25. Juni 2017 in der Akademie im süddeutschen Saarland aufeinander. Ein kurzer Blick auf die Teilnehmerliste reichte schon aus, um das aufgeregte Kribbeln in meinem Bauch zu vervielfachen und gefühlt hunderte Fragen in meinem Kopf aufploppen zu lassen: Werden wir uns unter den Nationen auch gut verständigen können? Werden wir eine homogene Gruppe sein oder sortieren wir uns automatisch in nationale Gruppen ein? Was ist, wenn wir uns während der Seminare überhaupt nicht in einem Thema einigen können? Doch die Vorfreude übertraf meine Sorgen um Längen. Es war schließlich eine einmalige Chance, sich mit so vielen Jugendlichen aus Europa auseinandersetzen zu können und über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu diskutieren.

Endlich war es Sonntag, und ich stand am Bahnhof in Türkismühle und wartete auf mein Taxi. Bereits eine Stunde nachdem ich aus dem Taxi herausgestiegen war und in der Rezeption der Akademie den Schlüssel für mein Zimmer bekommen hatte, befand ich mich in einem Gespräch mit zwei Griechinnen und einer Deutschen, die für die kommende Woche meine Zimmermitbewohnerin sein würde. Meine anfänglichen Sorgen, es könnte zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen uns Teilnehmern kommen, wurden schnell zunichte gemacht. Schon nach fünf Minuten machten wir Witze auf Englisch – besser hätte es nicht laufen können. Wir kamen beinahe zu spät zum Abendessen (was nebenbei gesagt verdammt lecker war, es gab sogar Barbeque), weil wir zu vertieft in unsere Unterhaltung waren.

Nach dem Essen trafen sich alle Teilnehmer zum ersten Mal in den Seminarraum, unsere Teamer und Seminarleiterin stellten sich vor und erzählten ein wenig über sich und die Akademie, es gab ein paar Namensspiele und uns wurde das Gelände gezeigt. Dann wurden wir auch schon in den Abend entlassen. Uns wurde gesagt, dass es auf dem Gelände ein „Youth Room“ gibt und wir dort unsere Abende (und Nächte) verbringen können – es gab Tisch-Kicker, Billard, Tischtennis, einen Beamer mit Leinwand, ein Basketballfeld und jede Menge Sitzmöglichkeiten sowie eine gewaltige Soundanlage und einen Sportraum. Zusammengefasst: es war kein einzelner Raum, sondern ein ganzes Gebäude. Ich ging auch schon am Sonntagabend hin und verwickelte mich wieder in ein langes (buchstäblich stundenlanges) Gespräch mit einem anderen deutschen Teilnehmer und unserer ganz persönlichen Nachtwächterin.

Am Montag, Dienstag und Donnerstag waren Seminartage, das heißt wir blieben mehr oder weniger im selben Raum. Über zahlreiche Spiele, Workshops und Gruppenarbeiten lernten wir Teilnehmer uns näher kennen, wobei unsere Teamer auch stets darauf bedacht waren, dass wir in internationalen Gruppen sind. Wir setzten uns mit Themen wie culture und values auseinander und sprachen über Europa und aktuelle Konflikte. Es gab immer große Abwechslung in den Seminaren – wir saßen nie länger als 1 1/2 Stunde still auf unseren Plätzen. In den kleineren 4er bis 5er-Gruppen hatten wir dann auch die Chance, die stilleren Teilnehmer in die Gruppendiskussion zu involvieren. In den Gruppen, in denen ich war, gab es nicht ein einziges Mal größere Meinungsunterschiede oder sonstige Konflikte – alle respektierten einander und nahmen Rücksicht auf den jeweils anderen. So kam es, dass bereits am Montag erste Freundschaften geschlossen und Nummern ausgetauscht wurden.

Am Dienstagabend war der internationale Abend – dort stellten wir Teilnehmer unser Herkunftsland oder Herkunftsort im Youth Room vor. Es wurden viele griechische, ukrainische und polnische Süßigkeiten und Prospekte verteilt – die ukrainischen Teilnehmer brachten sogar traditionelle Herz-Ketten und Lavendel mit. Am Donnerstag hatten wir in internationalen Grüppchen die Aufgabe, zu Themen wie values, sustainabilty, refugees und weiteren eine kreative Arbeit zu erstellen, die wir dann am Abend vor der Gruppe vorstellen würden. Am Ende hatten alle Gruppen komplett verschiedene Resultate, alle setzten sich mit verschiedenen Themen auseinander. So hatten wir am Ende ein großes Bild (welches im Youth-Room verewigt wurde), eine Simple-Show und zwei stop-motion-Filme. Das ganze Projekt hat großen Spaß gemacht und ich habe nicht mitbekommen, dass jemandem das Projekt nicht gefallen hätte. Abends veranstalteten unsere Teamer noch einen gemeinsamen Filmabend im Seminarraum. Es wurde „The Truman Show“ gespielt und wir konnten unsere Bettdecken und Kissen aus unseren Zimmern mitbringen, wenn wir wollten.

Mittwoch und Freitag waren meine persönlichen Highlights. Am Mittwoch fuhren wir nach Straßburg, wo wir zwei Stunden Freizeit hatten (wobei wir in kleinen Gruppen unterwegs waren und Geld bekamen, damit wir unser Essen bezahlen konnten) und eine kurze Stadtführung machten, bevor wir am Nachmittag zum „Council of Europe“(Europarat) fuhren. Im Europarat hatten wir das Glück, während einer Debatte zum Thema „migration and immigration“ im Parlamentssaal anwesend sein zu dürfen, da gerade Tagungswoche war und so Politiker aus ganz Europa versammelt waren. Abends waren wir noch in Saarbrücken in ein traditionelles Restaurant mit regionalen Gerichten essen, bevor wir zurück zur Akademie fuhren. Freitag ging es nach Luxembourg und nach Schengen, wo das bedeutende Schengen-Abkommen unterzeichnet wurde, welches uns ermöglicht, Landesgrenzen ohne weitere Einschränkungen zu überqueren.

Beide Tage haben unglaublich viel Spaß gemacht (sogar die Busfahrten) und wir hatten auch Glück, dass das Wetter mitgespielt hat (vor allem in Straßburg – was eine wunderschöne Stadt!). Am Freitagnachmittag dann haben ein paar Teilnehmer – ich mit eingeschlossen – die Abschiedsfeier für den Abend geplant und die benötigten Sachen eingekauft. Abends kamen dann alle Teilnehmer zum Youth Room, der mit Girlanden aus den Plakaten, die wir im Laufe der Woche entworfen hatten, behangen wurde. Ein paar Teilnehmer hatten am Vortag die schöne Idee gehabt, dass jeder Teilnehmer einen Stoff-Beutel bekommt, auf dem alle anderen unterschreiben konnten. Gesagt, getan. So verbrachten wir den Hauptteil des Abends damit, auf 16 Beuteln zu unterschreiben (oder etwas zu malen). So hatte jeder am Ende des Abends eine Erinnerung an diese Woche und die Teilnehmer.

Dann war auch schon Samstag, der Tag der Abreise. Nun, was soll man da sagen? Ich kann nur einer Mitteilnehmerin (und auch Freundin) zustimmen, was sie an diesem verregneten Morgen zu mir sagte: Abschiede sind scheiße. Und wie recht sie damit hat. Alle Teilnehmer waren traurig, dass die Woche so schnell vorüber war, auch Tränen sind geflossen.
Bevor ich diesen Bericht jedoch abschließe, möchte ich nochmal 2 Dinge besonders erwähnen: Zum einen ist das die Unterkunft und die Verpflegung – die Akademie ist sehr modern und neu und setzt auf Nachhaltigkeit, was man auch merkt. Ich kann zwar nur für mein Zimmer sprechen, aber dessen Zustand war tadellos. Das Essen war sehr hochwertig und wir hatten stets eine große Auswahl – das Personal war immer freundlich, hilfsbereit und offen gegenüber unseren Fragen und Wünschen.

Zum anderen möchte ich mich bei unseren Teamern und meinen Mitteilnehmern bedanken. Die Teamer waren immer offen und ehrlich zu uns, waren stets auf einer Augenhöhe mit uns und haben oft nachgefragt, ob uns etwas nicht gefällt oder was sie besser machen könnten. Die Seminare waren nie langweilig, wir hatten immer was zu lachen. Ehrlich gesagt hatte ich vor Beginn der Woche erwartet, dass die Seminare mehr Schulcharakter hätten, doch es war eher wie ein Sommercamp, bei dem man noch eine Menge lernt. Auch die anderen Teilnehmer waren immer offen und herzlich, und wenn wir kleine Meinungsunterschiede hatten, respektierten wir das und überlegten gemeinsam, ob diese Unterschiede auf unsere Kulturen zurückzuführen sind. Wir waren – so hatte es sich für mich angefühlt – eine große Gruppe, und alle waren absolut gleichwertig.  Mit vielen habe ich auch jetzt noch, einen Monat später, Kontakt und ich hoffe, dass die Freundschaften, die ich in dieser Woche geschlossen habe, auch noch lange halten werten.

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