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Stimme des EW | Emily und das Loslösen von gesellschaftlichen Konventionen

Foto: Emily Wiebers

Die 16-jährige Emily Wiebers von der Humboldtschule in Bad Homburg (Hessen), hat beim 65. Europäischen Wettbewerb mit ihrem Beitrag eine Preisträgerreise auf Einladung des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble gewonnen. Ihre Arbeit zum Thema „Vom Hofmaler zum Selfie“ beschäftigte sich mit dem Loslösen von den Zwängen der Selbstdarstellung und dem gesellschaftlichen Wert des Andersseins, vor allem in Europa. Die tiefere Bedeutung erklärt sie im Folgenden:

„Die Selbstdarstellung, die nicht selten auch zur Selbstinszenierung wird, hat sich in den vergangenen Jahrhunderten deutlich verändert.“

Im Kunstunterricht nähern wir uns immer mehr der Kunst der Moderne an und verfolgen dabei die Frage, inwiefern sich die Darstellungsformen über die Jahrhunderte verändert haben. Deswegen hat mich die Aufgabenstellung des 65. Europäischen Wettbewerbs dazu angeregt, mich konkret mit der Entwicklung der Selbstdarstellung auseinanderzusetzen.

In unserer heutigen europäischen Gesellschaft tendieren wir dazu, uns so individuell und idealistisch wie möglich darzustellen. Das bedeutet, dass wir sowohl positive, als auch negative Momente und Stimmungen aus unserem alltäglichen Leben in ästhetischer Weise durchformen, beispielsweise in Form eines Posts auf Instagram oder Tumblr. So teilen wir uns der Öffentlichkeit mit, um Zustimmung, Verständnis und Bewunderung zu bekommen.

Durch mein Werk „Der Schrei ins Leere“ möchte ich verdeutlichen, dass man sich von diesen gesellschaftlichen Konventionen loslösen kann. Man sollte sich nicht von sozialen Medien abhängig machen und man sollte sich nicht zur übertriebenen Individualisierung zwingen lassen. Sonst hat man schnell das Gefühl, man sei in keiner Weise etwas Besonderes. Außerdem ist jeder in seiner natürlichen Form ein Individuum; man sollte also nicht das Gefühl haben, sich beweisen zu müssen.

Emily Wiebers

Die Schönheit der europäischen Gesellschaft liegt eben darin, dass wir in unserer Gesamtheit sehr vielfältig sind und uns in unseren Kulturen gegenseitig ergänzen und bereichern können. Doch diese kulturelle Vielfalt geht manchmal verloren, da man demselben Ideal des „anders seins“ entsprechen möchte. Die aquarellierten Gesichter repräsentieren die Schönheit der Fülle unserer Gesellschaft. Jeder Mensch gehört in Europa zu der Europäischen Gesellschaft, auch ich. Die Polaroids in der Mitte scheinen sich durch den großen Unterschied des Mediums sehr abzutrennen. Damit möchte ich zeigen, dass man immer ein Teil der europäischen Gesellschaft ist und auch zu ihr beiträgt, auch wenn man sich vielleicht nicht so fühlt.

Auf den Polaroids blicke ich mit ausdrucksstarken Gesichtsausdrücken in die Kamera, wobei meine Emotionen durch die starken Farbkontraste meiner Schminke gesteigert werden. Ich fühle mich unter Druck gesetzt und verzweifle an Erwartungen, die ich mir selbst stelle. Durch das Abschminken versuche ich mich loszulösen und der Farbe, die mich zu erzwingen scheint, zu entkommen. Anschließend betrachte ich mich im Spiegel, wobei der Hell-Dunkel Kontrast sehr auffällig ist. Das Licht gilt als Grundlage des Sehens und Erkennens, doch es ist auch in diesem Aspekt Mäßigung gefordert, um etwas, bzw. sich selbst zu erkennen. Außerdem ist der Spiegel seit dem 15. Jahrhundert das instrumentelle Gegenüber der Selbstbeobachtung und Selbstdeutung und Spiegelbilder gelten darüber hinaus den Romantikern als die flüchtig objektivierte Innerlichkeit. Man sieht mich auf den Polaroids also, wie ich versuche meine Gefühle geseigert zum Ausdruck zu bringen, wie ich schreie und wie ich mich schlussendlich im Spiegel betrachte.

 

Hier findet ihr alle „Stimmen des EW“. Ihr möchtet auch erzählen, wie ihr euren Wettbewerbsbeitrag erstellt habt oder was ihr dank des Europäischen Wettbewerbs erlebt habt? Schreibt an team@ew2018.de!